Eierstocktumoren

Detaillierte Angaben sowie ein Literaturverzeichnis finden sich im Kapitel 2.3 des FertiPROTEKT-Buches „Indikation und Durchführung fertilitätsprotektiver Massnahmen bei onkologischen und nicht-onkologischen Erkrankungen“, das von Mitgliedern des FertiPROTEKT Netzwerk e.V. erstellt wurde und für Fachpersonen kostenfrei zum Download verfügbar ist.

 

Eierstocktumoren können vielfältiger Natur sein. Sogenannte Borderline-Tumoren machen 31%, epitheliale Tumoren 50% und bösartige Keimzelltumoren 19% im reproduktiven Alter aus, die jeweils eine unterschiedliche Prognose aufweisen.

Prognose der Erkrankung

  • Borderline-Tumoren des Eierstocks werden zumeist im frühen Stadien entdeckt und haben damit meist eine gute Heilungschance.
  • Epitheliale Eierstockkarzinome werden leider zumeist erst spät entdeckt, so dass sie dann eine 5-Jahres-Überlebensrate von lediglich 42% aufweisen. Bei einer Früherkennung (Stadium FIGO I) hingegen beträgt diese über 90% und ist somit exzellent.
  • Bösartige Keimzell- und Keimstrangtumoren haben eine wesentlich bessere Heilungschance als das epitheliale Karzinom.

 

Problematik der Fertilitätserhaltung (Fruchtbarkeitserhaltung) durch die Therapie

+ BORDERLINE-TUMOREN DES OVARS

Trotz sehr guter Heilungsaussichten werden als Therapie grundsätzlich die Entfernung der betroffenen Eierstöcke und Eileiter sowie Gewebeentnahmen im Bauchraum empfohlen, da der postoperative Tumorrest auch hier der bedeutendste Überlebensfaktor ist. Bei nicht bestehendem Kinderwunsch sollten beide Eierstöcke entfernt werden. Bei Wunsch nach Erhalt der Fruchtbarkeit kann der nicht betroffene Eierstock oder bei beidseitigem Befall ein Teil des Eierstocks und der Uterus erhalten werden.

+ FRÜHES EIERSTOCKKARZINOM

Beim Eierstockkarzinom (auch beim frühen Stadium) umfasst die adäquate operative Therapie die beidseitige Entfernung der Eierstöcke, der Eileiter, der Gebärmutter, des Blinddarmes sowie gezielte Probeentnahmen und Lymphknotenentfernungen im Bauchraum. Eine Ausnahme stellt das einseitige Eierstockkarzinom (FIGO IA G1) bei Kinderwunsch dar, bei dem nach Abwägung der Risiken die Gebärmutter und der nicht betroffene Eierstock vorübergehend erhalten werden können. Darüber hinaus ist keine Chemotherapie erforderlich.

Bei höheren Tumorstadien (spätere Entdeckung) wird eine Chemotherapie empfohlen. Diese besteht, je nach Situation, aus Carboplatin über 6 Zyklen mit oder ohne Paclitaxel. Auch kann eine zusätzliche Therapie mit Antikörpern (Bevacizumab) empfohlen werden.

+ BÖSARTIGER KEIMZELLTUMOR

Beim bösartigen Keimzelltumor werden, wenn möglich, nur der betroffene Eierstock und Gewebeproben im Bauchraum entnommen. Je nach Stadium schließt sich eine Kombinationschemotherapie an. In 70% der Fälle kommt es trotz der Operation und der nachfolgenden Chemotherapie wieder zu regelmässigen menstruellen Blutungen mit guten Chancen auf einer erhaltene Fruchtbarkeit.

+ BÖSARTIGER KEIMSTRANGSTROMATUMOR

Bei Keimstrangstromatumoren sollte ein zusätzliches Karzinom der Gebärmutterschleimhaut durch eine Gebärmutterspiegelung und Ausschabung ausgeschlossen werden. Eine Chemotherapie wird erst ab Stadium FIGO IC und höher sowie bei Tumorrest empfohlen.

Grundsätzlich gilt auch hier, dass die Chance auf den Erhalt der späteren Fertilität vom Alter der Frau und der vorhandenen Eierstockreserve abhängt.

 

 

Risiken der Fertilitätsprotektion

Hormonelle Stimulation

Es muss kontrovers diskutiert werden, ob bei einem Borderline-Tumor eine hormonelle Stimulation mit Eizellentnahme in Frage kommt oder nicht, da weiter unklar ist, ob sich dadurch das Risiko für ein Rezidiv erhöht.  

Kryokonservierung von Ovargewebe

Das Einfrieren von Eierstockgewebe ist bei Ovarialtumoren derzeit nicht zu empfehlen, da von einer Re-Transplantation wegen der möglichen Tumorzellverschleppung abgeraten wird. Nur wenn die noch experimentellen Techniken zur Gewinnung von Eizellen aus dem Eierstockgewebe im Reagenzglas oder die Transplantationen des Gewebes in andere Spezies (z.B. eine Maus) möglich werden, wäre eine Schwangerschaft unter Nutzung des eingefrorenen Gewebes denkbar.

GnRH-Agonisten

Falls nach Erhalt eines Eierstockes eine Chemotherapie geplant wird, sind GnRH-Agonisten zu erwägen. Bei hormonsensitiven Tumoren wird eine Beeinträchtigung der Effektivität der Chemotherapie durch GnRH-Agonisten diskutiert, ist aber eher unwahrscheinlich.

Besonderheit BRCA1/2-Mutation

Einen besonderen Aspekt bei Beratung von Frauen mit Eierstockskarzinom und Kinderwunsch stellt die nachgewiesene BRCA1/2-Mutation dar. Ihnen wird nach abgeschlossener Familienplanung eine prophylaktische Entfernung beider Eileiter und Eierstöcke angeraten. Das individuell erhöhte Risiko durch den Erhalt des Eierstockes und das Risiko, die familiäre Belastung an eigene Kinder weiterzuvererben, sollten im Beratungsgespräch ebenfalls angesprochen werden.

 

Praktische Vorgehensweise, falls eine fertilitätsprotektive Massnahme erwogen wird

Nach sorgfältiger Auswahl und guter Risikoberatung kann auch bei Frauen mit bösartigen Eierstocktumoren eine fertilitätserhaltende Operation durchgeführt werden. Sinnvoll und onkologisch sicher erscheint die fertilitätserhaltende Operation mit komplettem Staging nur bei Frauen unter 40 Jahren mit Kinderwunsch und einem einseitigem epithelialen Eierstockkarzinom (FIGO IA G1) sowie bei Borderline-Tumoren.

Bei bösartigen Keimzelltumoren ist ein stadienangepasstes Vorgehen in Kombination mit der Chemotherapie zu erwägen. Bei diesen Frauen kann begleitend zur Chemotherapie die medikamentöse Ovarprotektion mit GnRH-Agonisten sinnvoll sein.

Alle Frauen müssen darüber aufgeklärt werden, dass grundsätzlich nach erfülltem Kinderwunsch die Komplettierungsoperation erfolgen soll.