Kryokonservierung von Eierstockgewebe

 

Detaillierte Angaben sowie ein Literaturverzeichnis finden sich im Kapitel 3.4 des FertiPROTEKT-Buches „Indikation und Durchführung fertilitätsprotektiver Massnahmen bei onkologischen und nicht-onkologischen Erkrankungen“, das von Mitgliedern des FertiPROTEKT Netzwerk e.V. erstellt wurde und für Fachpersonen kostenfrei zum Download verfügbar ist.

 

Funktionsprinzip

Vor einer Chemo- und/oder Strahlentherapie kann auch Eierstockgewebe eingefroren (kryokonserviert) werden. Die Kryokonservierung von Gewebe ist seit den ersten Geburten nach einer Ovarialgewebetransplantation 2004 weltweit und 2008 in Deutschland eine zunehmend empfohlene Technik zur Konservierung der Fertilität vor zytotoxischen Therapien. Weltweit sind derzeit mehr als 73 Lebendgeburten bekannt, 16 in Deutschland (Stand Ende 2015).

Pro Jahr werden etwa 400 Kryokonservierungen von Ovarialgewebe vorgenommen, was zur Zeit einer Gesamtanzahl von ca. 2500 Kryokonservierungen entspricht. Davon werden ca. 1.450 in der Kryobank der Universitäts-Frauenklinik Bonn, ca. 500 in der Kryobank der Universitäts-Frauenklinik Erlangen, ca. 170 in der Kryobank der Universitäts-Frauenklinik Innsbruck und ca. 100 in der Kryobank der Universitäts-Frauenklinik Bern gelagert (Stand: November 2015).

Nach Bewältigung der primären Krebserkrankung kann das kryokonservierte Ovarialgewebe aufgetaut und in oder auf den noch vorhandenen Eierstock bzw. in eine Gewebetasche nahe den Eierstöcken transplantiert werden. Eine Wiederaufnahme der zyklischen Hormonproduktion kann nach einer aktuellen Registerauswertung des Netzwerkes FertiPROTEKT bei bis zu 63 % aller Patientinnen erreicht werden, die sich einer Transplantation von Ovarialgewebe unterziehen. Auch eine Induktion der Pubertät von Patientinnen, denen im präpubertären Alter das Gewebe zum Fertilitätserhalt entnommen wurde, wurde beschrieben und ist als Besonderheit und Alleinstellungsmerkmal dieser fertilitätsprotektiven Maßnahme besonders hervorzuheben.

 

Entnahme, Aufbewahrung und Transport des entnommenen Gewebes bis zur Aufbereitung und Kryokonservierung

In der Regel werden ca. 50% eines Eierstocks per Laparoskopie in kurzer Narkose entnommen und sofort in ein bereitstehendes Transportmedium eingebracht.

Kann eine Kryokonservierung des Gewebes nicht direkt am Ort erfolgen, gibt es die Möglichkeit, mit spezialisierten, externen Kryobanken (z.B. an den Universitäts-Frauenkliniken Bonn, Erlangen, Innsbruck und Bern) zu kooperieren. Der Transport dorthin erfolgt direkt nach operativer Entnahme in speziellen Versandbehältern. Die Transportbedingungen beinhalten ein Zeitlimit von 22 ± 2 Stunden, welches nicht überschritten werden sollte sowie eine konstante Kühlung bei 4 bis 8 °C, die durch spezielle Kühlakkus und geeignete Transportbehälter gewährleistet ist. Dass diese Methode uneingeschränkt funktioniert und auch scheinbar zu keinen Einbußen hinsichtlich der Gewebevitalität und auch den Erfolgsraten nach Transplantation führt, zeigen mehrere Veröffentlichungen.

 

Kryokonservierung des präparierten Eierstockgewebes

In einem computergesteuerten langsamen Einfrierverfahren werden die Proben so heruntergekühlt, dass sie im Anschluss in flüssigem Stickstoff (- 196 °C) unbegrenzt gelagert werden können.

Neben dem langsamen Einfrieren gibt es ein weiteres Verfahren, die Vitrifikation (ultraschnelles Einfrierverfahren). Beide Methoden finden weltweit Anwendung. Eine eingehende Literaturrecherche zeigt jedoch, dass bisher alle Geburten (bis auf eine) ausschließlich aus der Slow freezing-Methode resultieren.

 

Welche Patientinnen profitieren von diesem Verfahren?

Die Kryokonservierung von Ovarialkortex ("Eierstockrinde") empfiehlt sich bei Frauen, bei denen durch eine onkologische, hämatologische oder andere Grunderkrankung eine direkte oder indirekte Gefährdung hinsichtlich des Funktionserhalts der Eierstöcke besteht. Insbesondere trifft dies vor einer unmittelbar bevorstehenden gonadotoxischen Chemotherapie oder einer Bestrahlung im Beckenbereich zu. Außerdem sollten präpubertäre Patientinnen berücksichtigt werden, bei denen die Anwendung konventioneller Techniken der assistierten Reproduktion (Stimulation/Einfrieren von Eizellen) nicht möglich ist. Ideal sind die Bedingungen bei jungen postpubertären Patientinnen bis 27 Jahre, da die Eierstöcke in dieser Zeit regelmäßig verteilt viele Eizellen (eingebettet in Primordialfollikel) aufweisen und somit die Chancen für einen Fertilitätserhalt nach erfolgreicher Transplantation gut sind. Als Altersobergrenze empfiehlt das Netzwerk FertiPROTEKT 35 Jahre, wobei diese Grenze im Einzelfall in Abhängigkeit von der Eierstockreserve (AMH, antraler Follikelcount) flexibel ist.