Rheumatische Erkrankungen

Detaillierte Angaben sowie ein Literaturverzeichnis finden sich im Kapitel 2.7 des FertiPROTEKT-Buches „Indikation und Durchführung fertilitätsprotektiver Massnahmen bei onkologischen und nicht-onkologischen Erkrankungen“, das von Mitgliedern des FertiPROTEKT Netzwerk e.V. erstellt wurde und für Fachpersonen kostenfrei zum Download verfügbar ist.

Prognose

Autoimmunerkrankungen betreffen häufig junge Frauen im gebärfähigen Alter. Vor allem allgemeine rheumatologische Erkrankungen wie Kollagenosen und Vaskulitiden sind trotz großer Behandlungsfortschritte weiterhin häufig der Grund für eine Chemotherapie. Fast ausschließlich wird hierfür Cyclophosphamid (CYC) verwendet, so auch bei Stammzelltransplantationen.

Durch eine frühzeitige Diagnose und Einleitung der entsprechenden Therapie können die meisten Patientinnen heutzutage wirksam und dauerhaft behandelt werden. Da sich auch die Lebenserwartung einer behandelten Patientin der einer gesunden Frau immer mehr angenähert hat, spielt das Thema Kinderwunsch und der Erhalt der Fruchtbarkeit eine zunehmend wichtige Rolle.

 

Schädigung der Eierstöcke durch die Chemotherapie

Die Eierstockreserve, bestimmt anhand der Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH), ist bei Autoimmunerkrankungen bereits durch die Erkrankung oft eingeschränkt. Somit sollte gerade auch bei Autoimmunerkrankungen eine Beratung zum Fruchtbarkeitserhalt vor einer CYC-Therapie erfolgen.

CYC erhöht das Risiko für eine vorzeitige Erschöpfung der Eierstockfunktion (= prämature ovarielle Insuffizienz, POI) bei Autoimmunerkrankungen deutlich. Die angegebenen Wahrscheinlichkeiten liegen zwischen 12% und 54% und werden vor allem vom Alter der Patientinnen zum Zeitpunkt der Therapie sowie der Gesamtdosis von CYC beeinflusst.

 

Risiken der Fertilitätsprotektion  

GnRH-Agonisten (GnRHa)

Das Risiko einer GnRHa-Therapie ist bei Patientinnen mit rheumatischen Erkrankungen als niedrig anzusehen. Zwar ist die Wirksamkeit nicht unumstritten, doch zeigen mehrere Studien gerade bei einer CYC-Therapie einen nachweisbaren Schutz der Eierstockfunktion durch die Anwendung eines GnRHa.

 

Hormonelle Stimulation der Eierstöcke

Eine Stimulationstherapie zum Einfrieren befruchteter oder unbefruchteter  Eizellen sollte individuell entschieden werden.

Grundsätzlich sind zwei Risiken denkbar:

  1. Risiko einer Verschlechterung der Erkrankung unter der Stimulation
    • Insbesondere bei Kollagenosen, vor allem dem SLE, kann eine Stimulation zu einer Verstärkung der Krankheitsaktivität führen. Allerdings gibt es dazu nur wenige Untersuchungen.
  2. Risiko von Thrombosen
    • Generell ist das Thromboserisiko bei einer Autoimmunerkrankung erhöht. Studien zum Thromboserisiko unter einer hormonellen Stimulation liegen nur begrenzt vor.

 

Einfrieren von Eierstockgewebe

Bei jungen Frauen bis zum Alter von 35 bis max. ca. 38 Jahre stellt das Einfrieren von Eierstockgewebe eine sinnvolle Möglichkeit dar. Da es sich bei Autoimmunerkrankungen um chronische Krankheiten handelt, bietet dieses Verfahren auch dann einen Fruchtbarkeitsschutz, wenn eine erneute CYC-Therapie notwendig  werden sollte. Aufgrund der oft verminderten Eierstockreserve sollten jedoch vorher der AMH-Wert sowie die Zahl kleiner Eibläschen im Ultraschall (AFC) beurteilt werden, um einzuschätzen, ob eine Kryokonservierung sinnvoll ist.

 

Praktische Vorgehensweise

Die Wahl der fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahme ist eine individuelle Entscheidung, die in Absprache mit der Patientin, dem betreuenden Gynäkologen und Rheumatologen getroffen werden sollte.

Grundsätzlich sollte möglichst frühzeitig die Vorstellung in einem reproduktionsmedizinischen Zentrum erfolgen, um ein möglichst großes Zeitfenster für die Durchführung der fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen zu haben. In der nebenstehenden Grafik wird das mögliche Vorgehen dargestellt.