Krebserkrankungen im Kindesalter

 

Detaillierte Angaben sowie ein Literaturverzeichnis finden sich im Kapitel 2.6 des FertiPROTEKT-Buches „Fertilitätsprotektion - Indikation und Durchführung fertilitätsprotektiver Massnahmen bei onkologischen und nicht-onkologischen Erkrankungen“,das von Mitgliedern des FertiPROTEKT Netzwerk e.V. erstellt wurde und für Fachpersonen kostenfrei zum Download verfügbar ist.

Prognose

Seit den 70er Jahren haben sich die Überlebensraten für Mädchen und Jungen mit bösartigen Erkrankungen stetig gebessert. So liegt die 15-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit aktuell bei 81% der Betroffenen bei einer vor dem 15. Lebensjahr diagnostizierten Krebserkrankung.

+ Überlebensraten bei verschiedenen Diagnosen


Überlebensraten
Diagnosen 5 Jahre15 Jahre
Gesamte Kinderonkologie 83%81%
Leukämien und myeloproliferative Erkrankungen 88%85%
Lymphome94%92%
Tumore des Zentralnervensystems78%71%
Neuroblastome und Glioblastome79%76%
Knochentumoren72%67%
Weichteiltumore73%69%
Keimzelltumore95%94%

 

Schädigung der Eierstöcke und Hoden durch die Chemo- und/oder Strahlentherapie

Bei bis zu einem Drittel der Mädchen und Jungen ist die Fruchtbarkeit nach einer Chemo- und/oder Strahlentherapie beeinträchtigt, nach einer Knochenmarktransplantation bei über zwei Dritteln. Eine Bestrahlung des Gehirns kann dazu führen, dass die Eizellreifung und die Spermienproduktion nicht mehr angeregt werden. Nach einer Bestrahlung des Beckens mit mehr als 14 Gy können Schädigungen der Gebärmutter auftreten, welche zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaftskomplikationen führen. Detaillierte Angaben finden sich im Kapitel 2.6 des oben genannten Buches.

 

Besonderheiten der Fertilitätsprotektion bei Kindern und Jugendlichen mit einer Krebserkrankung

Die zur Verfügung stehenden fertilitätsprotektiven Massnahmen für Mädchen und Jungen unterscheiden sich darin, ob der Therapiebeginn vor oder nach Eintritt der Pubertät liegt.

+ GnRH-Agonisten

GnRH-Agonisten sind bei Mädchen nicht sinnvoll einsetzbar und die Wirksamkeit ist bei weiblichen Jugendlichen nur fraglich gegeben.

+ Operative Verlagerung der Eierstöcke

Liegen die Eierstöcke bei einer Strahlentherapie im Bestrahlungsfeld, ist je nach Dosis eine Verlagerung aus dem Strahlenfeld zu erwägen. Zu beachten ist, dass später oft eine In vitro-Fertilisation erforderlich ist, falls bei der Operation die Eileiter durchtrennt werden müssen.

+ Ovarielle Stimulation und Einfrieren von Eizellen

Die bei einer Kryokonservierung von Oozyten erforderliche vorausgehende ca. 14-tägige hormonelle Stimulation ist wegen der Dringlichkeit der Krebstherapie nicht immer möglich. Eine solche Maßnahme ist auch nur bei Jugendlichen möglich, die bereits Eibläschen bilden und bei denen eine Ultraschalluntersuchung über die Scheide durchgeführt werden kann.

+ Kryokonservierung von Eierstockgewebe

Eine Kryokonservierung erfordert eine Bauchspiegelung (Laparoskopie). Da das Gewebe bei Kindern sehr viele Eizellen aufweist, ist die Chance auf eine spätere Schwangerschaft nach der Rückverlegung des Gewebes hoch. Deswegen ist diese Massnahme oft eine gute Option.

+ Kryokonservierung von Spermien

Eine Kryokonservierung von Spermien nach der Pubertät ist ab dem ca. 13. Lebensjahr mit den entsprechenden Pubertätszeichen (Tanner 3) möglich.

+ Kryokonservierung von unreifem Hodengewebe

Die Kryokonservierung von unreifem, vor der Pubertät operativ entnommenem Hodengewebe, stellt momentan noch eine experimentelle Option dar.

 

Praktische Vorgehensweise

Eine ausführliche und auf das individuelle Risiko abgestimmte Aufklärung sollte sowohl das Risiko für eine Fruchtbarkeitsstörung als auch die Chancen und Risiken von fertilitätsprotektiven Massnahmen umfassen. Hierbei sollten jugendliche Patienten eine gemeinsame Entscheidung mit den Eltern treffen. Auch die Möglichkeit einer späteren Adoption beim Verlust der Fruchtbarkeit sollte im Beratungsgespräch erwähnt werden. Ebenso sollten die Familien darauf hingewiesen werden, dass eine Chemo- und Strahlentherapie zu keinem höheren Risiko führt, später Kinder mit einer Fehlbildung zu bekommen.